Tourismus – deutlicher Nachholbedarf

Weserbergland (tt). Der Herr Professor nahm kein Blatt vor den Mund und redete mal Tacheles: „Die Tourismusregion Weserbergland ist ja ganz hübsch, aber im Bundesvergleich unterdurchschnittlich entwickelt. Das Weserbergland hat keine gute Touristen-Infrastruktur, es hat ein zu kleines Marketing-Budget und ihm fehlen Attraktionen.“

Prof. Heinz-Dieter Quack vom Europäischen Tourismus-Institut wusste, dass er sich mit solchen Worten vor den Verantwortlichen des Weserbergland Tourismus nicht unbedingt nur Freunde machen würde, deshalb schob er ein „Verzeihen Sie…“ ein, als er zum Thema Geld mahnte: „…aber wir haben bereits im Jahr 2009 darüber gesprochen, wie hoch das Budget für die Dachmarke Weserbergland Tourismus sein sollte, nämlich 1,5 Millionen Euro pro Jahr. Das war damals beschlossen, ist aber nicht erreicht worden.“

Tjark Bartels nahm als Vorsitzender des Weserbergland Tourismus e.V. diesen Gedanken auf, um vor 75 Tourismusmanagern, Gemeindedirektoren, Bürgermeistern und Wirtschaftsförderern für mehr Geld fürs gemeinsame Tourismus-Marketing zu werben: „Wir müssen in den Räten mehr Geld lockermachen. Das muss möglich sein, weil das ist konkrete lokale Wirtschaftsförderung.“ Dies gefordert, sprach Bartels als Landrat von Hameln-Pyrmont weiter: „Ich werde das im Kreistag tun, und ich kann Ihnen sagen, ich kriege das auch hin.“ Konkret fordert Bartels eine Verdoppelung des Budgets des Weserbergland Tourismus e.V. von aktuell 750000 Euro auf dann 1,5 Millionen Euro – und damit auch eine Verdoppelung der Beiträge der Mitgliedskommunen des Weserbergland Tourismus. In der Mitgliederversammlung regte sich nicht offen Widerstand – zu erwarten ist er vermutlich dennoch.

Letztlich geht es auch im Tourismus ums Geld. Prof. Quack bilanzierte nach einem ganzen Wust an Zahlen: „Sie können mit Tourismus auf kommunaler Ebene Geld verdienen, aber die Ortsebenen müssen besser mit qualifiziertem Personal und mehr Finanzen ausgestattet werden.“ Nach Berechnungen des Europäischen Tourismus-Instituts spült der Wirtschaftsfaktor Tourismus im Weserbergland einen Jahresumsatz in Höhe von 1,09 Milliarden Euro in die Kassen der Region. Daraus resultiere, so Quack, ein Einkommenseffekt (Löhne, Gehälter, Gewinne) in Höhe von 580 Millionen Euro sowie ein kommunaler Steuereffekt von 22 bis 33 Millionen Euro. Und die Zahlen könnten noch höher sein, wie Quack dem Weserbergland ins Stammbuch schreibt: Bundesweit geht man davon aus, dass ein radelnder Tourist pro Tag etwa 70 Euro und ein wandernder Tourist pro Tag etwa 50 Euro ausgebe. Doch die Max Mustermänner, die auf dem Weserradweg durchs Weserbergland radeln, geben hier deutlich weniger aus – nämlich nur 14 Euro pro Tag. Quack: „Die Radler würden mehr ausgeben, sie sind bereit dazu – wenn man ihnen denn hier die Möglichkeit zum Geldausgeben geben würde.“ Raunen im Saal. Kopfnicken. Und hier und dort hörbare Zustimmung. Scheinbar sind sich alle einig: Hier hat das Weserbergland deutlichen Nachholbedarf. Quack gibt Nachhilfeunterricht und nennt den Pfälzer Radweg „Kraut und Rüben“ als positives Beispiel: „Dieser Radweg liegt in einer Winzergegend, führt immer wieder durch Ortslagen und bietet viele Möglichkeiten zum Geldausgeben. Die haben eine deutlich höhere Wertschöpfung.“

Und Quack fragt nach den Attraktionen des Weserberglandes: „Welche haben Sie?“ Diese Frage würden auch Touristen stellen. Und nur, wer sie zum Beispiel mit außergewöhnlichen Ideen wie Baumwipfel-Pfaden in Bad Harzburg oder Hängebrücken in Rheinland-Pfalz beantworten könne, habe eine Chance auf dem Touristen-Markt der Zukunft. Einem Markt, von dem die Geschäftsführerin des Weserbergland Tourismus, Petra Wegener, sagt: „Wachsende Ansprüche der Kunden auf Service, hoher Wettbewerbsdruck, stagnierende Budgets und Sättigungstendenzen im Touristengeschäft haben uns an einem Punkt ankommen lassen, an dem wir Probleme bekommen werden.“