Abriss der Mannschaftsgebäude besiegelt

Hameln. Ob sie schön sind? Die Antworten darauf hängen vom Betrachter ab. Was sie allemal sind: stadtbildprägend. Die Gebäude der Linsingen-Kaserne an der Süntelstraße gehören seit Jahrzehnten zur Nordstadt wie der Rattenfänger seit Jahrhunderten zu Hameln. Dennoch: So, wie es aussieht, wird keines der Ende der 1930er-Jahre von den Nationalsozialisten gebauten Unterkünfte mit ihrem schlichten Erscheinungsbild erhalten bleiben. In anderen Städten, wie beispielsweise in Münster, sind ähnliche Bauten erhalten und in Wohnhäuser umgewandelt worden.

Ursprünglich hatte die Stadtverwaltung in Aussicht gestellt, drei der ehemaligen Mannschaftsgebäude stehen zu lassen. Der Landkreis dagegen, der ebenfalls einen Teil des Geländes kaufen will, hatte angekündigt, lediglich das Gebäude, in dem die Mensa untergebracht ist, nicht abzureißen. Vor einigen Tagen nun vermeldete die Stadt, dass in den Holzkonstruktionen der Dachstühle das Insektizid DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan) gefunden worden – und damit der Abriss besiegelt worden sei.

Zwar gibt es auf dem Gelände der Linsingen-Kaserne laut Hamelns Stadtplanern keinen denkmalgeschützten Bestand, doch als erhaltenswert, eben weil stadtbildprägend, erachtet beispielsweise Joachim Schween diese Häuser dennoch. Auf Anfrage spricht der Archäologe und zweite Vorsitzende des Vereins für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln davon, dass das Gelände und die Gebäude „identitätsstiftend für die Stadt“ seien. Die schlichte Architektur, die geometrische Anordnung, die Bebauung zusammen mit dem Freiraum seien besonders und hätten eine starke gesellschaftliche und geschichtliche Bedeutung für Hameln. Der erste zeitliche Abschnitt erinnert an Deutschlands dunkle Geschichte: Die Nationalsozialisten ließen im Zuge der Wiederbewaffnung die Linsingen-Kaserne 1937/38 für das II. Bataillon/Infanterie-Regiment 74 bauen, das nach Beginn des Zweiten Weltkrieges an die Fronten geschickt wurde. Sieben Jahre später kamen britische Streitkräfte nach Hameln – und blieben bis zu ihrem Abzug im Jahr 2014. Für sie war die Linsingen-Kaserne die „Gordon Barracks“. Sie in Teilen zu erhalten, hatte auch die Stadt Hameln erwogen.

Ausschlaggebend für die Entscheidung, abzureißen, seien neben dem DDT-Nachweis weitere Überlegungen gewesen, wie Stadtsprecher Thomas Wahmes auf Nachfrage erklärt: „Zu nennen sind die hohen Kosten für Brandschutz, Tragwerksplanung und Wärmeschutz.“ Aus Sicht der Verwaltung sei eine „wirtschaftlich vertretbare Erhaltung unmöglich“.

Die Ausbringung des Gifts DDT, das auch in Holzschutzmitteln zu finden war, wurde 1972 in der damaligen Bundesrepublik Deutschland verboten. In der ehemaligen DDR wurde es noch bis 1988 hergestellt und verwendet. Es gilt laut Weltgesundheitsorganisation als „wahrscheinlich krebserregend“. Bei Sanierungen von Gebäuden, die mit DDT belastet sind, müssen diverse Vorkehrungen getroffen werden, damit sich das Gift nicht ausbreitet.

Nicht nur DDT ist bei den Untersuchungen des Linsingen-Geländes und der Gebäude gefunden worden, wie die Stadtverwaltung auf Anfrage mitteilt. Daneben sei in einem Gebäude eine Asbestbelastung festgestellt worden, „die vor dem eigentlichen Rückbau erst von einer Spezialfirma beseitigt werden muss“. Nach ersten Schätzungen betrügen die Kosten für den kompletten Rückbau auf dem dann städtischen Areal inklusive der Beseitigung der Altlasten etwa 3,5 Millionen Euro. Dabei schlagen im Wesentlichen „Verunreinigungen im Bereich ehemaliger Tankstellen und Abscheideanlagen“ zu Buche.

Während die Ausschreibung für den Planer der Rückbauleistungen laut Wahmes bereits erfolgt ist, wird hinter den Kulissen der Kreis- und Stadtverwaltung die Unterzeichnung des Kaufvertrags vorbereitet. Laut Informationen aus internen Kreisen soll der Termin dafür noch in dieser Woche stattfinden. Das Ringen mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) um den Kaufpreis dauerte länger als von Stadt und Landkreis angenommen worden war. Ursprünglich sollte 2017 das Jahr des Kaufes sein.