Die frühe Ernte ist eine Frage der Ähre

Hameln-Pyrmont (mes). Nicht nur in Teilen Brandenburgs, Mecklenburgs und Sachsens sind die Mähdrescher bereits auf den Feldern und müssen Wintergerste ernten. Auch in einigen Regionen Niedersachsens zwingen notreife Bestände die Landwirte zu einer sehr frühen Ernte. Auch im Landkreis Hameln-Pyrmont sei die Geste „notreif“, wie Horst-Friedrich Hölling, der stellvertretende Vorsitzende des Landvolks Weserbergland im Landkreis Hameln-Pyrmont, auf Nachfrage bestätigt. Derzeit befinden sich die Landwirte sogar schon im Endspurt mit der Ernte von Wintergerste. Begonnen wurde bereits im Juni – „14 Tage früher als üblich“, so Hölling. Mindererträge von 20 Prozent seien hier zu erwarten, fügt er hinzu.

Wie kommt es zu dieser Misere? Mehrere Faktoren kommen hier zusammen: Zum einen war es im vergangenen Herbst sehr nass, als die Felder bestellt wurden. Hinzu kamen der starke Frost im März und jetzt, im Mai und Juni, eine Zeit ohne nennenswerte Niederschläge. „In den letzten zwei Quartalen 2017 hat es so viel geregnet wie sonst im ganzen Jahr, sodass die Böden sehr schwer befahrbar und bestellbar waren“, beklagt Hölling. Das andere Extrem: „Im zweiten Quartal diesen Jahres gab es so gut wie keine Niederschläge“; im Mai und Juni nur 20 Prozent der Menge, die normalerweise zu erwarten sei.

Fazit: Die Gerste ist „notreif“. Das bedeutet, dass die Bestände weiß sind. Die Grannen, also die Spitzen oben an der Ähre, stehen nach oben. „Die Pflanze hat kaum noch Wasser, sodass die Körner nicht ausgebildet werden können“, sagt Horst-Friedrich Hölling. „Kümmerkorn“ nennt es der Landwirt. Nach der Gerstenernte folgen nun noch Winterraps, Winterweizen, Sommerweizen und Sommergetreide. Übrigens: Die letzte Vorsommertrockenheit, die so stark ausgeprägt war wie die jetzige, habe es zuletzt 2003 gegeben.

Regen wünschen sich die Landwirte jetzt, doch danach sieht es auch in den kommenden Tagen nicht aus. Daher appelliert Hölling auch an die Bürger: „Bitte gehen Sie sorgsam mit brennenden Sachen um und werfen Sie nichts gedankenlos aus dem Fenster!“ Soll heißen: keine glimmenden Zigarettenstummel aus zum Beispiel dem Auto werfen, keine Glasflaschen oder Scherben der Sonne aussetzen. Denn schnell würde es dadurch zu Selbstentzündungen kommen. Bei der Trockenheit, die vorherrscht, und dem oft starken Wind würden die Felder brennen wie Zunder.

Auch die Landwirte selbst müssen höllisch aufpassen: Das trockene Erntegut entwickelt extrem viel Staub, der sich in und an den Erntemaschinen festsetzt. Hohe Temperaturen entstehen an der Abgasanlage der Dieselmotoren, Funken schlagen aus hochgeschleuderten Steinen oder Metallstücken: Das reicht, um den Staub zu entzünden. Öl und Kraftstoff nähren das Feuer – in Sekundenschnelle steht die Maschine in Flammen. Jüngst geschehen in Völksen: Auf einer Ackerfläche geriet vergangenen Mittwoch Stroh in einer Rundballenpresse in Brand.

Die Ertragsprognosen wurden jüngst für die gesamte europäische Getreideernte kräftig nach unten korrigiert. Der Verbraucher indes braucht sich nicht zu sorgen. Trotz schlechter Ernte ist nach Hölling nicht mit Preissteigerungen von Brot, Brötchen und Co. zu rechnen.