Ein Ingenieur im Mikrokosmos

Bad Pyrmont (ey). Dinge gibt’s, bei denen man mit offenem Mund staunt: Da ist also Ernst-Hermann Kilian, der 87-jährige Wahl-Pyrmonter, ein gebürtiger Hamelner, der den Seilbagger M90 der Firma Menck, quasi ein Rolls-Royce unter den Seilbaggern der 50er-Jahre, sein Eigen nennt. Nicht im Original, sondern als Modell. Nicht irgendeines, sondern selbst zusammengebaut. Jetzt mögen andere Modellbauer abschätzig darüber urteilen, dass es kein Problem sei, nach Bausatz einen Bagger zusammenzuzimmern. Mag sein. Es ist bloß nicht nach Bausatz geschehen…

M90 – der Rolls-Royce

unter den Seilbaggern

Mit anderen Worten: Ernst-Hermann Kilian hat den M90 nach Original-Plänen originalgetreu im Maßstab 1:16 nachgebaut. Jedes Teil hat er an der hauseigenen Drehbank aus Aluminium, Kupfer und Kunststoff selbst entwickelt. Wie das geht? Mit einem Höchstmaß an technischem Grundverständnis und mithilfe eines Zufalls. „Ich hatte irgendwann einen Maschinenbau-Ingenieur kennengelernt, der früher bei der Firma Menck, die es heute nicht mehr gibt, arbeitete. Er hat mir die Original-Prospekte des Baggers besorgen können. Dann habe ich angefangen“, sagt Ernst-Hermann Kilian. Klingt einfach, ist es aber nicht. Und als wenn das noch nicht genug wäre, hat er auch gleich noch Elektromotoren eingebaut, Zahnräder, ein Getriebe, Kugellager, Elektronik… Nun steht das gute Stück neben einem O&K Muldenkipper, einem MAN Meiller Absatzkipper und einem Volvo A40 – alle steuerbar über eine Fernbedienung. Im Mikrokosmos könnten diese Modelle ordentlich was wegschaffen.

„Ich wäre so gerne Maschinenbau-Ingenieur geworden. Aber die Nachkriegszeit machte mir einen Strich durch die Rechnung. Bis heute habe ich dran zu knapsen, dass ich nicht die richtige Ausbildung hatte“, sagt Ernst-Hermann Kilian. Nötig sind die Selbstzweifel nicht, denn erstens gibt es gut ausgebildete Menschen, die in ihrem Leben nicht gar so viel auf die Reihe kriegen, und zweitens hat der 87-Jährige erfolgreich vier Unternehmen geführt, darunter über 15 Jahre lang den Campingplatz in Heinsen bei Holzminden. Da wäre zudem noch drittens: Wer in der Lage ist, solche Modelle zu bauen, ist ein Maschinenbau-Ingenieur im Mikrokosmos, nur nicht schriftlich bestätigt, na und? Wer Blechteile biegt und lötet, nachdem er sie vorher in einem bestimmten Maßstab zum Original heruntergerechnet hatte, wer einen Kippmotor über ein Winkelgetriebe auf den Kippzylinder im Heck eines Modells einbaut, damit das Gleichgewicht des Fahrzeugs auch stimmig ist, wer nach alten Prospektblättern in der Lage ist, auf kaum vier Quadratmetern Werkstatt so kleine technische Wunder geschehen zu lassen, der weiß, wie’s geht! Dort, wo andere Blumen auf der Fensterbank des Wohnzimmers stehen haben, hat Kilian den Menck-Bagger und die drei Lkw positioniert. Alle startbereit.

Aber Stillstand ist Rückschritt. Deshalb baut er jetzt Schiffe. Schiffe! „Zurzeit arbeite ich an einem Versorger, einen Meter lang, 30 Zentimeter breit. In echt wird er auch als Schubschiff genutzt. Der hat ordentlich Kraft“, sagt der Tüftler. Für seinen Sohn Klaus-Jürgen hatte er das Schiff, (ausnahmsweise) ein Bausatz, vorgesehen, doch das Schicksal meinte es nicht gut. Sein Sohn verstarb plötzlich. „Jetzt bekommt es mein Großsohn. Ich hoffe, es gefällt ihm. Es ist als Standmodell geplant, hat also keinen Motor. Also jedenfalls keinen Antrieb“, sagt Ernst-Hermann Kilian. Denn zwei Motörchen sind dann doch drin, um das Radar wie in echt auf der Fahrerkabine sich drehen zu lassen. Und Positionslichter baut er auch dran. Nur nach Bausatz zu agieren, nein, so richtig würde ihn das nicht zufriedenstellen.

Maßstab 1:30 – ausnahmsweise aus dem Baukasten inklusive Modellplan und Abbildungen des Originals. Das hat schon ein paar Mal hingehauen. Für seinen zweiten Sohn Uli Kilian baute er einen Hafenschlepper mit Antrieb! Schwiegertochter Petra wünschte sich einen dänischen Nordsee-Kutter und bekam ein wunderschönes Exemplar. „Es ist ein Meisterstück“, sagt sie. Wie lange das alles gedauert hat? „Diese Frage habe ich befürchtet. Die kommt immer. Ich weiß es aber nicht. Die Stunden vergehen und ich vergesse die Zeit“, sagt der ideenreiche Kleinstingenieur. Wenn das mal keine gute Ansage für andere in seinem Alter ist!