Alle Wetter, das ist jetzt ein Problem

Hameln-Pyrmont (mes/ey). Würden die Bäume jetzt nicht ihre Blätter abwerfen, könnte man annehmen, es wäre Sommer. Es ist aber kein Sommer, es ist Herbst, goldener Herbst, warmer Herbst, schöner Herbst. Leider aber auch: viel zu trockener Herbst. Das Wehklagen im Weserbergland nimmt kein Ende, nicht bei den Bauern, nicht bei Gärtnern, und selbst solchen, die sich bisher über das unglaublich warme Jahr gefreut haben, wird‘s jetzt langsam unheimlich…

Die Weser ist vom Fluss zum Flüsschen geworden. 45 Zentimeter beträgt ihr Pegel noch bei Wehrbergen, und der Füllstand der Edertalsperre liegt bei nur noch elf Prozent. An den Ufern weite Flächen voller Kies und Muscheln, trocken gefallen, wo es bislang nie trocken war.

Die Landwirte mussten mit ansehen, wie sehr die Pflanzen auf ihren Äckern litten. „Die Trockenheit ist ein sehr, sehr großes Problem“, sagt Kreislandwirt Karl-Friedrich Meyer. Zwar gehe die Herbstbestellung der Felder gut voran, die Saat bräuchte jetzt aber unbedingt Feuchtigkeit. Was ihm zudem jüngst aufgefallen sei: das immense Insektenleben in Zuckerrübenfeldern. „So was habe ich Mitte Oktober noch nie gesehen.“ Die Imker seien damit auch nicht glücklich, müssten die Bienen doch langsam in den Winterschlaf gehen. Doch die Zuckerrüben hätten noch einmal neue Blätter ausgetrieben, was die Insekten locke.

Großen Kummer bereitet Förstern der Wald. Die Bäume leiden immens unter der anhaltenden Trockenheit. Zu sehen ist dies zum Beispiel am Borkenkäferbefall in Fichten. Ebenfalls ein Resultat aus den hohen Temperaturen: Marienkäfer-Invasionen. Sie sind auf der Suche nach geeigneten Winterquartieren. Teils in großen Schwärmen besetzen sie Balkongeländer, Hauswände und Pflanzen. Meist sind es Siebenpunkte oder Asiatische Marienkäfer. „Den Winter über machen sie es sich am liebsten in Mauerritzen oder Dachsparren gemütlich“, sagt Britta Raabe, die in der Nabu-Regionalgeschäftsstelle Weserbergland zurzeit viele Anrufe von Insektenfreunden erhält. Sogar einen Maikäfer hat Ingrid Eggert aus Bisperode auf ihrem Terrassentisch entdeckt. Ob er dachte, es sei Frühling? Wohin er jetzt wohl fliegt?

Aus Gärtnersicht verheißt dieser viel zu warme Herbst nicht viel Gutes. Matthias Großmann, Inhaber der Stauden-Gärtnerei Junge, sieht in der Unterversorgung vieler Gehölze ein Problem. „An der Trockenheit sind viele Büsche und auch Bäume zugrunde gegangen; das sieht man in vielen Gärten. Manche Brunnen geben auch kein Wasser mehr her. Das ist insgesamt schon eine sehr prekäre Situation.“ Auch Karl-Heinz Bollwitte, Marktleiter im Gartencenter Neumann, kann sich nicht erinnern, schon einmal so viel gegossen zu haben wie in diesem Jahr. „Es ist extrem. Dass wir die Gehölze und Stauden auf unserer Freifläche auch Ende September und Oktober noch so reichlich wässern müssen, kennen wir hier nicht“, sagt Karl-Heinz Bollwitte, der – ungeachtet der bislang sommerlichen Temperaturen im goldenen Oktober – mit seinem Team schon fleißig die Weihnachtsausstellung im Fachmarkt auf dem Hefehof aufbaut. Draußen 22 Grad Celsius, drinnen Nikolaus, Engel und Christbaum… Traurige Nachrichten indes für Pilz-Fans: Aufgrund der lang angehaltenen Trockenheit in unserer Region gibt es in diesem Jahr kaum Schwammerl, bedauert Nabu-Pilzexperte Michael Exner aus Bad Münder. In den Wäldern in der Region sei kaum ein Exemplar zu finden. Daher muss auch das Pilz-Seminar beim Nabu Hameln-Pyrmont ausfallen, das für diesen Monat ursprünglich geplant war.

Am 13. Oktober fiel der

Temperaturrekord

Und wie schon befürchtet: Der Oktober bleibt auch in den kommenden Tagen weitgehend golden und außergewöhnlich warm, wie ein Sprecher des Deutschen Wetterdienstes in Hamburg auf Anfrage mitteilt. Den deutschlandweiten Wärmerekord knackte am Samstag allerdings nicht das Weserbergland, sondern Tönisvorst in Nordrhein-Westfalen: 28,6 Grad. Damit sei der „absolute Stationsrekord“ gebrochen worden, sagt Meteorologe Christian Herold. Es wurde also der höchste je an diesem Tag an dieser Station gemessene Wert erreicht. Auch der deutschlandweite Rekord seit Beginn der Wetteraufzeichnungen für einen 13. Oktober ist damit gefallen. Den hielt bisher das rheinland-pfälzische Deuselbach mit 27,8 Grad (2001). Für einen Monatsrekord aber habe es nicht ganz gereicht. Am 7. Oktober 2009 hatte das Thermometer im baden-württembergischen Müllheim 30,9 Grad angezeigt.