Baumbestand begutachtet

Bad Pyrmont. „Den lassen wir stehen“, sagt Dr. Clemens Heidger, als er am Montagvormittag die alte Stieleiche zwischen Kaiserplatz und Kirchstraße umrundet hat. Dabei hat der von der Stadt für eine Baum-Begutachtung engagierte Sachverständige aus Hannover den bis zu 80 Zentimeter tief freigelegten Stammfuß begutachtet und an einer schwächelnden Stelle unterhalb der Pfropfnaht, wo einst die Säuleneiche auf eine normale Eiche aufgepfropft wurde, an der Rinde unter der teils brüchigen Borke geschabt. „Hallimasch“, sagt er. Aber der Pilz sei noch nicht in den Baum eingedrungen. Der wehre sich zudem mit einem Flächenkallus. Dieses neue Gewebe direkt an der lädierten Stelle wirke „wie ein Wundpflaster“, sagt Heidger. Und Bauhof-Gärtnermeister Rolf Müller deutet mit Blick auf die abgeheilte Verletzung an: „Da sind Bäume wie Menschen.“ Ihn und seinen Kollegen Jörg Bläske freut es, dass der bundesweit gefragte Baumexperte ihren eigenen jüngsten Eindruck von der Vitalität der markanten Stieleiche bestätigt: „Der obere Teil des Baumes ist völlig intakt“, urteilt Dr. Heidger.

Was dem nach seiner Schätzung allerdings nicht 300, sondern „nur“ deutlich über 100 Jahre alten Baum zugesetzt hat, war indes die wohl schon vor Jahrzehnten bei Straßenbauarbeiten vorgenommene Erhöhung des Bürgersteig-Niveaus. Diese „unangepasste Aufschüttung“ hat dem Baum untenherum die Luft abgeschnürt. Was hier hilft, ist eine Standortoptimierung. „Den Boden nach dem Laubfall noch im Winter mit einem Großsauggerät weiter freilegen und durch luftdurchlässiges Substrat ersetzen“, rät der Sachverständige. „Wenn es vor dem Winter nichts mehr wird, dann lieber offenlassen.“ Allerdings sollte der Fußweg künftig nicht mehr direkt über die Wurzeln führen, denn der freigelegte Stammfuß muss trocken bleiben. „Dann hat der Baum noch mindestens 50 Jahre.“ Einer anderen alten Säuleneiche kann Dr. Heidger keine so günstige Diagnose stellen: Der Baum an der Oesdorfer Straße, neben den Bushalte-„Schweineboxen“ am Schulzentrum, muss weg. „Es tut mir echt leid“, sagt Heidger, und seine beiden Pyrmonter Begleiter nicken. Aber welch irreversiblen Schaden vermutlich auch schon vor Jahrzehnten eine Baggerschaufel direkt am Fuß angerichtet hat, zeigt sich, als Heidger mit der Hand tief in eine Lücke in der Borke greift und nur morsches Gebrösel herausholt. Im Erdreich darunter hat die Eiche an dieser Stelle keine Wurzeln mehr. Der nächste Sturm könnte sie umhauen. Um den Baum noch eine Weile zu erhalten, müsste man ihn verspannen. Nur findet sich in der Nachbarschaft nichts, was Halt böte. Um die potenzielle Gefahr in Schulnähe schnellstens zu beseitigen, hat die Stadt die Eiche gestern Vormittag fällen lassen.