Anonyme Briefe und des Kaisers Bart …

Von Jens F. Meyer

Hameln. Die Stührenbergs hatten sich das anders vorgestellt: Da kauften sie also ein Haus im schönen, alten Klütviertel, um in einem familienfreundlichen Umfeld mit Schulen, Kindergarten, Friseur, Bäcker und vielem mehr ihre Zukunft zu bauen. Und dann erreichte die Familie vor einiger Zeit ein Brief, in dem auf die „in letzter Zeit zunehmend hohe Lärmbelästigung Ihrer Kinder“ hingewiesen wird. Absender Fehlanzeige. Das über eine Seite sich quälende Textungetüm ist anonym. Was erstens schon allein deshalb am Inhalt zweifeln lässt. Und außerdem zweitens zeigt, dass es den Verfasser nicht nur an Stil, sondern auch an Mut zu mangeln scheint.

Im Schreiben ist „von nicht

erträglichem Krach“ die Rede

An Mut mangelt es der Familie Stührenberg indes nicht. Sie drehte den Spieß um, verteilte einen kurzen, prägnant formulierten Vierzeiler-Brief in der umliegenden Nachbarschaft und bittet darin den oder die Verfasser, sich doch „an uns zu wenden, um das Anliegen in einem persönlichen Gespräch zu klären“. Denn die Vorwürfe im anonymen Schreiben wiegen schwer: Von nicht erträglichem Krach der Kinder ist die Rede, von unverhältnismäßig hohem Geräuschpegel und davon, dass Eltern ihren Kindern ganz klar Grenzen aufzeigen sollten. Indes: Nach Recherchen des HALLO vor Ort sehen viele Anwohner aus dem betreffenden Bereich Kuhanger und Blumenweg die Kinder der Stührenbergs ganz und gar nicht als Störenfriede.

Es ist nicht der einzige anonyme Brief, der in Hameln-Pyrmonts Nachbarschaften kursiert. „Die Menschen streiten um des Kaisers Bart. Das merken wir an unserem Bürgertelefon. Kein Tag, an dem es nicht um Ruhestörung, ungepflegte Grundstücksgrenzen und all das geht“, sagt Thomas Wahmes, Pressesprecher der Stadt Hameln und gleichzeitig Beauftragter für das Bürgertelefon. Dabei müsse man unterscheiden zwischen den privaten Kabbeleien und solchen Auseinandersetzungen, die in der Tat die Sicherheit betreffen. „Nur wenn eine Verkehrsicherungspflicht gefährdet scheint, schreiten wir ein. Alles andere ist privat und muss notfalls von einem Gericht entschieden werden, denn wir können, wollen und dürfen nicht Partei für eine Seite ergreifen.“

Boris Faehndrich, Rechtsanwalt und Notar aus Hameln, muss das auch nicht zwingend. „Nicht immer ist der Weg zum Gericht nötig und richtig. Denn die Beteiligten selbst sind es, die die Gesamtumstände des Konflikts am besten kennen und die Lösungen dazu ja im Ergebnis auch selbst umsetzen müssen. Hier setzt die Mediation an. Partei für die eine oder andere Seite ergreife ich im Anwaltsmandat“, sagt der Hamelner. In der Eigenschaft als Mediator sei er hingegen „allparteilich“, vermittelt und moderiert.

Ein anonymer Brief, wie er gerade im Klütviertel kursiert, sei jedenfalls die falsche Methode, um etwas aus der Welt zu schaffen. Erstens werde dadurch eine ganze Siedlung unter Generalverdacht gestellt. „Und außerdem löst es nicht das Problem, sondern baut die Eskalation auf.“ Genau das Gegenteil müsse erreicht werden. Die Mediation biete allen Beteiligten die Möglichkeit, sich an einen Tisch zu setzen und nach Lösungen zu suchen.

Übrigens endet das anonyme Beschwerdeschreiben an die Familie Stührenberg wie folgt. „Wir leben hier alle relativ dicht zusammen; uns (…) geht es darum, dass unser Klütviertel auch weiterhin für Alt und Jung attraktiv und lebenswert (…) bleibt.“ Vor allem für alt?

Und noch dies: Angeblich hat sich an anderer Stelle in dieser Siedlung jemand darüber mokiert, dass Stockrosen in den Weg wüchsen. In den Blumenweg. Das ist fast schon lustig…