Hameln will noch „fairer“ werden

Hameln. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und der Titel „Fair Trade Town“ noch keine faire Stadt. Fünf erfüllte (und relativ einfach zu erfüllende) Kriterien reichen, um sich als Kommune so nennen zu dürfen. Ein paar Veröffentlichungen über das Thema, hier und da einige fair gehandelte Produkte im Handel – Hameln gehört seit Anfang des Jahres zu diesem Kreis. Annette Hergarden, die in dem dafür installierten Steuerungskreis als Vorsitzende aktiv ist, sieht in dem Namen ebenfalls nur einen ersten Schritt, aber immerhin einen in die richtige Richtung. Doch das Thema gibt auch nach etlichen Vorträgen, Filmen und Aktionen im ersten Jahr noch reichlich Gestaltungsspielraum – wobei das Ziel gar nicht so klar ist. Wann ist denn eine Stadt fair genug? Auch Hergarden hat darauf keine Antwort.

Doch auch ohne messbares Ziel hat sie Vorstellungen von den nächsten Schritten. Dafür hat sie in den vergangenen Monaten Gespräche mit potenziellen Meinungsmachern geführt, die die Möglichkeit haben, etwas zu bewegen: Einzelhandel, Gastronomie, Tourismus. 

Beispiel Einzelhandel: Wer Wert darauf legt, dass die eigene Kleidung in der Produktion niemandem geschadet hat – weder in sozialer noch in gesundheitlicher oder in ökologischer Hinsicht, wer also „faire“ Jeans, Pullover, T-Shirts tragen möchte, wird bisher vor allem an einer Adresse fündig: im Internet. Wer aber ebenfalls den stationären Handel unterstützen möchte, hat ein Problem. Mal gibt es bei Tchibo oder Lidl Waren aus ökologischer Baumwolle, ja. Aber konsequent fair Produziertes, das als solches zertifiziert ist, wird in den Modehäusern und Boutiquen in kleinen bis mittelgroßen Städten kaum fündig. Vielleicht, weil der Klein- und Mittelstädter danach nicht fragt. Vielleicht, weil der Handel es nicht anbietet. „Händler sollen und könnten ihren Lieferanten auf die Füße treten“, findet Annette Hergarden. „Wir sehen in Bio, dass es geht.“ In ihrer Vorstellung könnte ein Modehaus eine Ecke mit Kleidung gestalten, die eben von zertifizierten Herstellen bestückt ist. Auch das Internet ließe sich einbeziehen, denn dort verkauften die heimischen Einzelhändler der Modebranche ja ebenfalls. Der Einfluss der Ehrenamtlichen in der Steuerungsgruppe auf die Akteure am Markt ist begrenzt: „Wir können nur darum bitten, entsprechende Produkte aufzunehmen“, sagt Hergaden. Fairtrade funktioniere immer nur auf freiwilliger Basis. Oder auf „freundlichen Nachdruck“ seitens der Politik, so Hergarden, verbunden mit einer deutlichen Ansage im Stile „sonst können wir auch anders“. In Gesprächen mit einem Vertreter der Modebranche jedenfalls sei ihr zu verstehen gegeben worden, dass es schwierig sei. In einem Gespräch mit der Industrie- und Handelskammer will Hergaden herausfinden, ob von deren Seite mit Unterstützung zu rechnen ist. Und in der Hotellerie/Gastronomie hat sie auch nicht gerade offene Türen eingerannt, schildert Hergaden ihre Erfahrung. Als in dieser Hinsicht vorbildlich bezeichnet sie die Sumpfblume mit ihrer Karte, in der regionale und fair gehandelte Speisen und Getränke zu finden sind.

Für das kommende Jahr möchten Hergarden und ihre Mitstreiter den Kontakt zur Reisebranche suchen, um dort gemeinsam nach Möglichkeiten zu suchen, „fair“ in diesem Bereich umzusetzen und darüber zu informieren. Mit der VHS zusammen würde sie gerne Kurse zum Thema „fairer Handel“ anbieten – doch dafür fehlten oftmals ausreichend Teilnehmer, damit sie zustandekommen.  Im Rathaus beschränkt sich fair Gehandeltes nach wie vor auf Kaffee und Tee. Ob aus dem Plan, für den Betriebshof fair produzierte Arbeitskleidung zu bestellen, etwas wird, ist noch ungewiss. Was sie hoffnungsfroh stimmt: Inzwischen haben auch große Modeketten begonnen, umzudenken und stärker die Arbeitsbedingungen ihrer Lieferanten in Asien im Blick zu haben – was am Ende dann auch bis nach Hameln ausstrahlt.

Wer sich weiter mit Hameln als Fair Trade Town befassen möchte, kann sich an Barbara Schulte im Rathaus wenden: b.schulte@hameln.de, (05151) 202-1714. Auch der Verein „Eine Welt“, der den Weltladen Q’antati im Haus der Kirche betreibt, ist aktiv.