Waschbären geht’s an den Pelz

Hameln-Pyrmont (ey). Possierlich sieht er ja aus, aber das Antlitz des Waschbären sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um ein Wildtier handelt, das im Süden von Niedersachsen mittlerweile zum Riesenproblem geworden ist. Warum? Weil der Waschbär, aus Nordamerika stammend, hier bis vor einigen Jahrzehnten nicht heimisch war. Jetzt ist er es – und er räubert, wo er nur kann, im Feld, im Fluss, im Wald und in den Siedlungsbereichen. Die Folge: erhöhter Tatendrang bei der Kreisjägerschaft. Sie ist gefordert. Bilanz: 1076 Waschbären wurden innerhalb eines Jahres kreisweit gefangen. Und erlegt.

Zunehmende Probleme

in Siedlungsbereichen

Um keine romantischen Vorstellungen vom niedlichen Tierchen aufkommen zu lassen: Der Waschbär ist ein absoluter Verdränger! Hans-Joachim Böhnke, Leiter des Hegerings 6 Bad Pyrmont, spricht von zunehmenden Problemen in der Kurstadt. „Im vergangenen Jahr haben wir rund 100 Waschbären hier gefangen. Vor zehn Jahren waren es kaum zehn.“ Die Folgen der erhöhten Populationsdichte seien zum Beispiel deutlich weniger Singvögel. Zudem stelle der gern an Gewässern lebende Waschbär eine große Gefahr für selten gewordene Lurche und Kröten dar.

Alle in Europa vorkommenden Waschbären gehen auf Tiere zurück, die im 20. Jahrhundert aus Pelztierfarmen und Gehegen entkommen sind oder ausgesetzt wurden. Das in Europa also nicht heimische Wildtier stiehlt anderen ihren Lebensraum. „Fuchs, Dachs, Marder, Iltis nehmen Reißaus, wenn der Waschbär kommt. Im Grunde flüchten fast alle vergleichbaren Fell tragenden Beutetiere vor ihm“, sagt Hameln-Pyrmonts Kreisjägermeister Jürgen Ziegler. Zudem agiert Procyon lotor, so der lateinische Name, sehr geschickt. „Er setzt seine Pfoten ja wie Hände ein. Waschbären klettern auf Bäume und räubern Vogelnester, sogar Bussardgehege. Sie klettern auf Dachböden, schlagen den Marder in die Flucht und zerstören Dämmung und Ziegel. Sie heben im flachen Wasser Steine an, stibitzen Libellenlarven und Lurche. Auch Uferbrüter im Schilf wie Enten und Teichhühner haben keine Chance“, sagt Jürgen Ziegler. Kein Wunder also, dass die EU den Waschbären mittlerweile als Bedrohung einstuft, und Hameln-Pyrmont steckt mitten im tiefroten Bereich! Es gibt wenige Regionen, in denen die Besiedlung durch den unzweifelhaft hübschen Nordamerikaner größer ist.

Das merken auch Hausbesitzer. Bei manchen fischt er den Gartenteich leer, anderen steigt er aufs Dach oder kommt durch die Katzenklappe sogar hinein in die gute Stube. „Dieses Tier ist sehr lernfähig. Wer den Waschbären einmal füttert, weil er ihn so niedlich findet, wird ihn nicht mehr los. Dann kommt er bisweilen auf die Terrasse und fordert fauchend sein Recht ein“, sagt Jürgen Ziegler. Bei einer Familie in Hameln sei er ins Haus gelangt und habe Schokoladenpralinen stibitzt. In Bad Pyrmont habe eine Waschbärenmutter laut Hegeringsleiter Böhnke im Keller Junge zur Welt gebracht. Die Paarungszeit ist ab Ende Januar bis März und verheißt Nachwuchs noch und nöcher. Nach einer Tragzeit von etwa 61 Tagen werden fünf bis sieben, mitunter auch neun Welpen geboren.

Von April bis Ende Juni

ist Schonzeit

Und doch: Auch der Waschbär unterliegt einer Schonzeit. In Niedersachsen darf er von April bis Ende Juni nicht bejagt werden. „Das ist auch schon richtig so. Die Probleme, die er als sehr flexibles Wildtier bereitet, sind jedoch dennoch ohne Frage sehr groß“, sagt Jürgen Ziegler. 75 Waschbären seien allein im Stadtgebiet Hamelns innerhalb eines einzigen Jahres erlegt worden – viel für ein Tier, das es hier einstmals nie gegeben hat. Tendenz steigend. Wie überall. Da tröstet höchstens noch der Blick in die Statistik. Je weiter man nach Südniedersachsen blickt, desto höher die Population. Das verdeutlicht die Wildtiererfassung der Landesjägerschaft fürs Jahr 2017. Mit 2858 gefangenen Waschbären ist der Landkreis Göttingen jedenfalls viel schlimmer dran; auch Northeim mit 1932 Tieren vermag vor größeren Problemen zu stehen als Hameln-Pyrmont. Aber der Waschbär breitet sich aus. Und von Northeim bis Deister und Weser ist es nicht arg weit…